Gebundene Ausgabe - 240 Seiten
2010- Neukirchener Verlagsgesellschaft
ISBN: 978-3-7887-2398-9
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Das Evangelium des Markus ist das Älteste der vier Evangelien und diente den anderen Evangelisten als Vorlage. Doch was wissen wir über den Verfasser? In ihrem Roman macht sich die Schriftstellerin Susanne Krahe auf die Suche nach ihm. Sie beschreibt die Ereignisse, wie Markus sie gesehen haben könnte und zeichnet den Evangelisten als kritischen und auch selbstkritischen Menschen, der das Erlebte hinterfragt und sich seine eigenen Gedanken dazu macht. Im Zentrum steht die Rückerinnerung des Ich- Erzählers an seine Reise zum See Genezareth. Er, der des Schreibens kundig war, soll alles von diesem Jesus aus Nazaret aufschreiben, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Dort begegnet Markus dann einer Frau, die als junges Mädchen auf Bitten ihrer Mutter von Jesus geheilt werden sollte - das änderte ihre Leben. Von ihr erfährt er neue, ungeahnte Geschichten. Allmählich kommen die beiden sich näher... Lange Zeit später erhält er einen weiteren entscheidenen Impuls für seine Niederschrift, als der blinde Barthimäus zu ihm kommt, der durch seine Begegnung mit Jesus zwar nicht sein Augenlicht wiedererlangt hat, aber von Grund auf verändert wurde. Eine Roman, der den Menschen Markus und seinen Alltag lebendig werden lässt und zugleich neue Einsichten in die gute Nachricht von Jesus vermittelt - eine spannende Lektüre für theologisch und literarisch Interessierte.
„Für mich fängt der Glaube nicht bei den Wundern an, sondern da, wo Wunder ausbleiben”. - Susanne Krahe weiß, wovon sie schreibt. Nach ihrer Erblindung, als ihre Lebensplanung völlig in Frage gestellt war und sie sich von vielen Träumen verab¬schieden musste, gingen neue Türen auf, auch die zum literarischen Schaffen. Ihre Erfahrung fließt in ihr Werk ein, führt sie zu Fragen, was mit den Menschen passiert, nachdem ihre Wünsche erfüllt wurden. Sind sie frei und glücklich, nachdem sie geheilt wurden? Oder ist es ein viel größeres Wunder, sein Schicksal anzuneh¬men, als einsichtiger Blinder hinter Jesus herzuwandern, dessen Sache auch nach dem Kreuzestod und dem leeren Grab weitergeht? In ihrem neuen Roman „Markus, der Zweifler” nimmt Susanne Krahe, die schon eine ganze Reihe theologischer Sachbücher, einen Roman Tiber Paulus sowie Erzählungen und Ge-dichte veröffentlicht hat, ihre Leserinnen und Leser mit in die Schreibwerkstatt des Evangelisten. Auf theologischer Grundlage lässt sie Markus lebendig werden, nutzt den Spiel FÜR SIE GELESEN raum der Literatin, moderne Fragestellungen mit dem biblischen Stoff zu verknüpfen. Sicher ist es von Vorteil, das biblische Original zu kennen und theologische Kenntnisse zu besitzen, um alle literarischen Feinheiten würdigen zu können. Trotzdem bietet Susanne Krahes Roman auch Einsteigerinnen und Einsteigern die Möglichkeit, sich auf ungewohnte Art dem ältesten Evangelium und seinem Autor zu nähern. Markus entdeckt das Abenteuer des Schreibens, das mitten hinein ins Leben führt. Immer wieder muss er sich neu orientieren, sich den Weg von Agnes Doering
Aus "Unsere Kirche" 3/2010
Bünde. Das Evangelium nach Markus bleibt ein Mysterium. Bekannt als das kürzeste und wahrscheinlich älteste der vier kanonischen Evangelien, sind Erkenntnisse über den Verfasser nach wie vor Mangelware. Und doch lassen sich über die Schriften Rückschlüsse auf den Urheber ableiten, wie die Autorin Susanne Krahe in ihrem Roman "Markus der Zweifler" eindrucksvoll belegt. Am Donnerstag stattete sie dem Gymnasium am Markt einen Besuch ab. Nein, einen historischen oder gar wissenschaftlichen Roman habe sie nie im Sinn gehabt, erklärte Krahe zum Einstieg in ihre Lesung. Und eine Begründung lieferte die Autorin gleich mit: "Für eine solche Herangehensweise ist einfach zu wenig bekannt". Krahe, die nach ihrem Theologie-Studium an der Universität Münster ihr Augenlicht verlor, wählte eine andere Strategie. Sich selbst auf die Suche nach Markus begeben und Ereignisse beschreiben, wie Markus sie gesehen haben könnte. Wobei die Betonung eindeutig auf dem Konjunktiv liegt. Denn Markus, so Krahe, war weniger Augenzeuge als Schriftsteller: "Er hat mit Schriftstücken gearbeitet und selbst eins verfasst". Allein die Frage, warum er manche Dinge anders umgesetzt hat als andere Evangelisten, weckte das Interesse Krahes. "Beantwortet man diese Frage, dann entsteht ein Profil", so die Autorin. Um dieses Profil geht es in ihrem jüngsten Werk. Stets kritisch hinterfragend lässt Krahe ihren Ich-Erzähler in die Erinnerung reisen, ausgestattet mit dem Auftrag, das Leben Jesu aufzuschreiben und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Von Wundergeschichten ist die Rede, von der Heilung des blinden Bartimäus und der Entstehung so manchen Gleichnisses. Interessiert klebten die Religions-Schüler der Jahrgänge 12 und 13 an den Lippen von Elke Markmann, die das Lesen für die erblindete Autorin übernahm. Was blieb war die Frage, warum Markus als Zweifler bezeichnet wird, doch auch hierzu hatte Krahe die passende Antwort parat. "Zweifel sind etwas motivierendes. Ohne Zweifel kommen wir nicht zu Zuversicht". Und darum gehe es schließlich im biblischen Wort.
Felix Eisele
Aus "Neue Westfälische" 04.02.2010
Nicht blind von Beruf – Zum Tod der Schriftstellerin Susanne Krahe
Eine vielversprechende Theologin erblindet. Sie bekommt eine Niere transplantiert und eine Bauchspeicheldrüse dazu. Sie wird unsanft aus ihrer wissenschaftlichen Karriere gerissen und findet sich mit Anfang Dreißig unter mütterlicher Aufsicht in ihrer alten Heimat wieder. Was nun? Zu ihrem und unserem Glück kann sie schreiben, konnte es schon vor ihrer Erblindung. Aber jetzt sieht sie klarer. Und tiefer. Ihr durch keine glatte Oberfläche mehr zu täuschender Blick dringt bis in die Randbezirke des menschlichen Lebens vor. Dort kämpfen Menschen auf der Intensivstation ums Leben oder warten im Pflegebett auf die „Fütterung“. Dort wird eine Blinde wie ein lästiges Paket abgestellt und eine Gehbehinderte zum Klotz am Bein.
Susanne Krahe macht ihr Leben zum Material, begutachtet das hinter und vor ihr Liegende mit kühlem Blick, formt um, lässt weg, erfindet hinzu und wird so zur Schriftstellerin. Das Schönreden und Schönfärben ist ihre Sache nicht. Wer gerne fromme Märchen oder wundersame Heilungsgeschichten liest, ist bei ihr an der falschen Adresse. Wer aber keine Angst vor „Reisen in das beschädigte Leben“ hat, wird mit Texten von höchster literarischer Qualität und Intensität belohnt. Dabei formt das Blindsein dieser Autorin eine ganz eigene, die Wirklichkeit mit Händen ertastende Sprache von frappierender Anschaulichkeit. Da steht ein Fragezeichen mitten im Raum, ihm wird der Kopf abgebissen. Da klebt ein Blick an den Brillengläsern fest. Da hinterlässt das "Verpacken" einer traumatischen Erfahrung „Schnitte, die die seidenen Kordeln beim Festzurren in die Fingerkuppen ritzen.“
Auch die Bibel war für Susanne Krahe eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Aus den biblischen Geschichten machte sie moderne Literatur, indem sie die Geschehnisse auf überraschende Weise aktualisierte und verfremdete. Durch diese „literarische Exegese“ wird ein frischer Blick auf scheinbar Bekanntes möglich. Der Evangelist Markus geht als zweifelnder Sucher auf die Reise, aus Rahel wird eine auf Rache sinnende Frau, während Jesus zum „defekten Messias“ mutiert, der seine Jünger durch stotternde Reden und spastische Zuckungen verunsichert. So hatten sie sich den Erlöser nicht vorgestellt.
Wer Susanne Krahe persönlich begegnete konnte erleben, wie geschickt sie manch täppische Befangenheit von uns „Augenmenschen“ auflöste und mit dem ihr eigenen Humor in ein angeregtes Gespräch verwandelte. Da hat sich eine aus ihrer „Dunkelkammer“ ins Freie geschrieben, da hat eine aus ihrem Leben Funken geschlagen, die in manche Nacht hineinleuchten. Wir können nur dankbar sein für dieses Geschenk.
Susanne Krahe ist am 20. August 2022 gestorben. Sie wurde 62 Jahre alt.
Nachruf von Carola Moosbach
erscheint am 1.11 im Magazin P&S (Magazin für Psychtherapie und Seelsorge)